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Was uns prägt

Die Geschichte hinter den Geschichten

Manchmal braucht es eine Seherin, um zu erkennen, was wir längst vor Augen haben.

Hier ist es Big Mama, die Völva. Sie lädt uns ein, dorthin zu blicken, wo vieles seinen Anfang genommen hat. In unsere eigene Geschichte. Und umgibt uns dabei mit ihrer schützenden, raumeinnehmenden und wärmenden Präsenz.

Denn niemand kommt als Antreiber, Schönrednerin oder mit einem übermächtigen inneren Kritiker auf die Welt. Viele dieser Stimmen entwickeln sich aus Erfahrungen, Erwartungen und dem, was wir irgendwann lernen mussten, um zurechtzukommen.

Manche wachsen in Geborgenheit auf. Andere lernen früh, Stimmungen zu lesen, Gefahren vorauszuahnen, Konflikte zu entschärfen oder Verantwortung zu übernehmen, die niemals ihre Aufgabe gewesen wäre.

Sie lernen, leise zu sein, wenn es laut wird. Zu funktionieren, wenn andere versagen. Zu lächeln, wenn ihnen eigentlich zum Weinen ist.

Und manchmal lernen sie sogar, dass Liebe etwas ist, das man sich verdienen oder das man ertragen muss.

**Was einmal geholfen hat, durch schwierige Zeiten zu kommen, kann später zu einem unsichtbaren Gefängnis werden.**

Wir nennen es dann Charakter. Pflichtbewusstsein. Rücksichtnahme. Belastbarkeit. Vielleicht sogar Liebe. Dabei sind manche dieser Eigenschaften auch die Spuren einer Geschichte, in der es wenig oder keinen Raum für eigene Bedürfnisse, Grenzen oder Gefühle gab.

Wir nehmen unsere Geschichten mit. In Beziehungen, Entscheidungen und unser Selbstbild. Manchmal wiederholen wir, was wir längst hinter uns glaubten.

Manche Menschen verlieren sich dabei Stück für Stück selbst – und funktionieren nach außen weiter.

**Nicht jede Anpassung ist freiwillig. Nicht jede Stärke aus Freiheit entstanden.**

Die Werke erzählen von Schweigen, verschwimmenden Grenzen und dem langsamen Verlust des eigenen Ichs.

Vielleicht erkennst du darin jemanden wieder. Vielleicht auch dich selbst.

Und die Völva stellt eine entscheidende Frage:

**Was gehört wirklich zu mir – und was habe ich gelernt, um zu überleben?**

Die Werke in diesem Bereich:

Video

Comic

Leben in suchtbelasteten Familiensystemen:

Familiengeheimnisse:

Umgang mit manipulativen, missbräuchlichen Systemen:

Flaschenkind & Flaschengeist

Manches wächst sich nicht aus oder: eine Korkenzieher-Loyalität
(Tuschezeichnung Plattendirektdruck 5mm, 84×118,8 cm / A0, 2026)

Die verschwiegene Korkenzieher Loyalität

Als Kind weißt du nicht, dass bei euch etwas anders ist. Du weißt nur, dass du beim Heimkommen schon an der Art, wie die Tür aufgeht, merkst, was für ein Abend das wird. Du weißt, wann du besser nichts mehr fragst, wann du dich zurückziehst und welche Geschichten über eure Familie draußen erzählt werden können.

Irgendwann wird aus diesem Kind ein erwachsener Mensch. Die Wohnung ist eine andere, die Flasche vielleicht längst nicht mehr Teil des eigenen Alltags, und trotzdem wirken Regeln weiter, die nie ausgesprochen werden mussten. Du merkst sofort, wenn die Stimmung kippt, fühlst dich schnell verantwortlich, hältst lange durch und erklärst erstaunlich viel, bevor du überhaupt auf die Idee kommst, dass etwas für dich nicht in Ordnung sein könnte.

Die Geschichte vom Flaschenkind ist längst zum Flaschengeist geworden.

Und in seiner Hand liegt der Korkenzieher.

Damit ließe sich öffnen, was lange verschlossen geblieben ist. Doch wer den Korken zieht, spricht nicht nur über Alkohol. Plötzlich geht es auch um die eigene Kindheit, um das Verhalten der Eltern, um Dinge, über die in der Familie bis heute nicht gesprochen wird, und um die Frage, ob man Menschen verrät, die man trotz allem liebt.

Also bleibt der Korken häufig dort, wo er ist.

Man sagt, dass es auch schöne Zeiten gab. Dass Vater oder Mutter es selbst nicht leicht hatten. Dass andere viel Schlimmeres erlebt haben. Man wird hervorragend darin, zu verstehen, und bemerkt lange nicht, dass dieses Verständnis vor allem eines zuverlässig verhindert: den eigenen Blick darauf, was es mit einem selbst gemacht hat.

Was würde sich verändern, wenn du das, was in deiner Familie passiert ist, nicht mehr erklären, sondern einfach benennen würdest? Und wen glaubst du schützen zu müssen, wenn du darüber schweigst?

Genau darin liegt die Korkenzieher Loyalität. Das erwachsene Kind hätte heute Möglichkeiten, die es damals nicht hatte, und trotzdem schützt es oft noch das System, in dem es gelernt hat, sich selbst zurückzunehmen.

Der Korkenzieher liegt längst in der eigenen Hand.

Aber einen Korken zu ziehen bedeutet manchmal, dass endlich herauskommt, was eine ganze Familie sehr lange darin gehalten hat

Flaschengeist
(Kurzvideo, Iris, 2026)

Wenn deine Eltern viel getrunken haben
(Comic, Lucia Sonnleitner, 2026)

Familiengeheimnis

Gut gedeckt. Schlecht aufgetischt.
(Tuschezeichnung Plattendirektdruck 5mm, 84×118,8 cm / A0, 2026)

Der Tisch ist gedeckt. Alle sind da.

Es wird gegessen, geredet, gelacht. Man erzählt sich Geschichten, trascht und ratscht und wiederholt sich so oft in den selbigen Phrasen. Jeder kennt seinen Platz, seine Rolle und Sätze, die zuverlässig verhindern, dass ein Gespräch zu tief gehen könnte.

Erstaunlich, wie viel Menschen miteinander reden können, ohne wirklich etwas zu sagen.

Man weiß viel übereinander: Wer schwierig ist, übertreibt, schon immer zu empfindlich oder gar (selbst) schuld war. 

Nur wie es dem anderen wirklich geht, scheint erstaunlich selten jemanden zu interessieren.

Und manchmal liegt längst alles auf dem Tisch. Aufgetischt und doch gut gedeckt.

Die Sucht. Die Gewalt. Der Missbrauch. Die Demütigungen. Die Verletzungen, die niemand sehen will, obwohl ihre Spuren unübersehbar sind.

Vielleicht weiß es einer. Vielleicht wissen es viele. Vielleicht wurde längst darüber gesprochen.

Doch die wisch-und-weg-Maschinerie ist gut trainiert. Es wird auf Hochglanz beschönigt, relativiert, geleugnet und in gewohnter „Schwamm-drüber-Taktik“ das Unerklärliche erklärt, das Unentschuldbare entschuldigt und zum Familienfrieden ernannt. 

Denn das eigentliche Familiengeheimnis ist oft kein Geheimnis mehr. Es ist eine Wahrheit, auf deren Verleugnung man sich stillschweigend geeinigt hat.

Und wehe, jemand hält sich nicht daran.

Dann wird aus dem Menschen, der verletzt wurde, plötzlich derjenige, der die Familie verletzt. Aus einer berechtigten Frage ein Vorwurf. Aus dem Wunsch nach Wahrheit ein angeblicher Verrat.

So bleiben die Plätze besetzt, die Fassaden gewahrt und die Geschichten unangetastet.

Man sitzt beisammen. Jahr für Jahr. Feiert Geburtstage, Weihnachten, das Leben. Und manchmal auch nur die gelungene Aufrechterhaltung einer gemeinsamen Lüge.

Alle sind da. Und doch fehlt so viel.

Ein echtes Gegenüber. Ein offenes Ohr. Der Mut, hinzusehen. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht sind deshalb auf diesem Bild nur noch die Kleider übrig.

Leere Hüllen, die ihre Rollen perfekt beherrschen.

Denn manchmal ist das Lauteste an einem Familientisch nicht der Streit.

Sondern das Schweigen über das, was alle längst wissen.

Was zuhause passiert, bleibt zuhause
(Comic, Lucia Sonnleitner, 2026)

Familiengeheimnis
(Comic, Lucia Sonnleitner, 2026)

Im Griff

„Liebe“ in festen Händen
(Tuschezeichnung Plattendirektdruck 5mm, 84×118,8 cm / A0, 2026)

Ich habe mich intensiv mit den Zahlen beschäftigt. Mit dem, was in unserem Land geschieht. Und mit dem, was weltweit längst kein Ausnahmezustand mehr ist, sondern erschreckende Realität.

Weltweit werden jeden Tag durchschnittlich 137 Frauen und Mädchen von ihrem Partner oder einem Familienmitglied getötet. In Deutschland wurden allein 2024 mehr als 16.000 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern polizeilich registriert. Und das sind nur die bekannt gewordenen Taten.

Zahlen. Statistiken. Lageberichte.

Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Ein Leben. Eine Geschichte.

Und der Täter? Ist nicht immer der unheimliche Fremde, vor dem wir unsere Kinder warnen. Nicht der Mann im dunklen Park.

Es kann der Ehemann sein. Der Lebensgefährte. Der Vater. Der Onkel. Der Bruder. Jemand, dem vertraut wird. Jemand, der nach außen fürsorglich, liebevoll und vollkommen unauffällig erscheint.

Die Gefahr trägt nicht immer ein bedrohliches Gesicht. Manchmal trägt sie einen Ehering.

Und Gewalt beginnt nicht zwangsläufig mit einem Schlag.

Manchmal beginnt sie mit einer scheinbar harmlosen Bemerkung. Mit Eifersucht, die als Liebe ausgegeben wird. Mit Kontrolle, die sich Fürsorge nennt. Mit kleinen Grenzüberschreitungen, die nach und nach zur Normalität werden.

Psychische Gewalt kann das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung erschüttern. Manipulation, Schuldumkehr, Abwertung und Isolation können dazu führen, dass Betroffene zunehmend an sich selbst zweifeln, während die Macht des Gegenübers wächst.

Was von außen wie eine freiwillige Entscheidung aussieht, kann längst das Ergebnis von Angst, Abhängigkeit und systematischer Kontrolle sein.

„Ich will doch nur dein Bestes.“

Ein Satz, der liebevoll klingen kann. Und manchmal nichts anderes bedeutet als: Ich bestimme, was das Beste für dich ist.

Das Bild „Im Griff“ erzählt von dieser gefährlichen Verwechslung.

Von Händen, die vermeintlich halten, aber festhalten. Von Nähe, die einengt. Von Liebe, die ihren Namen verloren hat und trotzdem weiterhin so genannt wird.

Denn zwischen Geborgenheit und Gefangenschaft liegt manchmal nur eine Frage:

Kann ich gehen, ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen?

Liebe hält nicht gefangen.

Und wer einen Menschen im Griff haben muss, hat ihn nicht im Herzen.

Quelle: Die beiden konkreten Zahlen stammen aus dem UNODC/UN-Women-Bericht über Tötungen im Jahr 2024 und dem BKA-Lagebild 2024 zum sexuellen Missbrauch von Kindern.

ANDERS_SEHEN_Fakten_statt_Wegsehen_aktualisiert_A4

Wieso hast du ihn nicht einfach verlassen?
(Comic, Lucia Sonnleitner, 2026)

Ausradiert

gesunde Anpassungsstörung ungesund korrigiert
(Tuschezeichnung Plattendirektdruck 5mm, 84×118,8 cm / A0, 2026)

Oder: Wenn passend werden bedeutet, weniger zu werden

Wir lernen früh, dass Zugehörigkeit nicht immer bedingungslos ist. In Familien, Beziehungen und gesellschaftlichen Systemen gibt es unausgesprochene Regeln darüber, wie wir sein sollen – und wie besser nicht.

Also lernen wir, passend zu werden.

Wir halten Meinungen zurück, unterdrücken Bedürfnisse, verschweigen Gefühle, passen unseren Körper, unsere Sprache oder unsere Lebensweise an. Nicht jede Anpassung ist ungesund. Doch was geschieht, wenn wir nicht mehr nur unser Verhalten verändern, sondern zunehmend uns selbst?

Dann beginnt etwas zu verschwinden.

Eine Eigenheit. Eine Grenze. Ein Bedürfnis. Ein Stück Persönlichkeit.

Was von außen nach gelungener Anpassung aussieht, kann im Inneren einen hohen Preis haben. Ein Mensch funktioniert, erfüllt Erwartungen und macht es anderen leicht. Doch niemand sieht, wie viel von ihm dabei verloren geht.

Wie viel von dir hast du ausradiert, um irgendwo hineinzupassen?

Das Bild führt diesen Gedanken bis an seine äußerste Grenze: den Suizid. Nicht als zwangsläufige Folge von Anpassung, sondern als radikale Bildmetapher für das vollständige Verschwinden der eigenen Person.

Der Radiergummi steht für all das, was wir an uns entfernen, damit das System um uns herum unverändert bleiben kann.

Was sagt es über ein System aus, wenn Menschen sich selbst verlieren müssen, um darin einen Platz zu finden?

 

Ausradiert
(Kurzvideo, Iris, 2026)

Wolltest du schon mal sterben?
(Comic, Lucia Sonnleitner, 2026)