Zwischen Boxhandschuhen und Räucherschale

Iris Zeh

Zwischen Boxhandschuhen und Räucherschale

Ueber Rollen, Schubladen und
vermeintliche Gegensaetze …

Es erstaunt mich immer wieder, wie hartnäckig Menschen Geschichten über andere Menschen erzählen.

Geschichten darüber, wie jemand zu sein hat.

Wie eine Frau zu sein hat. Eine Künstlerin. Eine emanzipierte Frau.
Eine gute Ehefrau, Hausfrau, Mutter oder die Business-Lady, die ihren Laden wirklich im Griff hat.

Und irgendwann halten manche diese Geschichten einfach schlichtweg für wahr.

Doch wer entscheidet darüber, welche Kriterien Gültigkeit und Relevanz in meinem eigenen Leben für mich haben?

Früher wie heute existieren erstaunlich viele Klischees über boxende oder motorradfahrende Frauen.
Ein Thema von vielen, das mich gesellschaftlich betrachtet persönlich betrifft und das mich zu vielen Überlegungen führte.

„Frauen boxen doch nicht richtig“

„Die muss ja eine aggressive/dominante Person sein.“
(Oftmals eine andere Umschreibung von ‚Mannsweib‘)

„Das Motorrad ist doch viel zu schwer für dich.“

„Frauen fahren viel zu vorsichtig / blockieren nur die Kurven.“

Auf der anderen – vermeintlich „weicheren“ Seite wartet jedoch bereits die nächste Zuschreibung, denn die räucherstäbchenschwingende Frau im Wallawalla-Kleid besänftigt zwar aufgebrachte Gemüter wieder etwas mit ihrer allumfassenden Liebe, die sie in die Welt ergießt, doch wehe ihr, sie nennt sich „Hexe“ …

Da wird aus der liebevollen Lichtgestalt ganz schnell etwas verruchtes … ein ‚Teufelsweib‘ eben oder gar ein Weib des Teufels – je nachdem, wozu es gerade dienlich sein darf. 

Oft schon dachte ich mir beim Blick auf den Kalender, wir wären bereits im 21. Jahrhundert angekommen, doch leider gibt es noch immer viele (in den Jahrhunderten) ‚Zurückgebliebene‘, die vehement das Gegenteil vertreten. Und das auch noch in sehr vielen gesellschaftlichen Bereichen, Systemen und Strukturen. 

All diese Prägungen und gesellschaftlichen, „präfrontalen Reinwaschungen“ haben mich selbst oft glauben lassen, ich sei falsch und müsse die gefühlten, vermeintlichen Gegensätze, die sich daraus entwickelten, in mir wieder zu etwas Ganzem vereinen. 

Vielleicht geht es im Leben aber gar nicht darum, Gegensätze zu vereinen. Sondern endlich aufzuhören, sie als Gegensätze zu betrachten.

Denn tatsächlich kann ich heute beides: Kickboxen und Räuchern. Vielleicht nicht unbedingt gleichzeitig, aber beides darf nebeneinander existieren und ich darf immer beides sein:

Kämpferin und Künstlerin


stark und weich

rational und intuitiv

laut und leise

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